Estland – 1000 Jahre durch Europa geprägt


Das Selbstverständnis, als eigenständiger Staat in der Weltgemeinschaft zu agieren, erleben die Esten erst seit etwa 30 Jahren. Die kurze Phase der Unabhängigkeit zwischen den Weltkriegen wirkt wie ein Vorbild, vielleicht als Orientierungshilfe zur heutigen Souveränität. Trotzdem prägt eine latente Angst vor einer erneuten Zersplitterung des estnischen Staates viele übergeordnete Entscheidungen.


Die lange Kulturgeschichte Estlands ist nicht das Ergebnis eigenstaatlicher Verantwortung, sondern entstand durch das Wechselspiel unterschiedlichster fremder Einflüsse. Estland war Regentschaftsland. In erster Linie waren es die dänischen- und schwedischen Monarchien, die bis in das 17. Jahrhundert hinein, die staatliche Ordnung garantierten. Erst ab dem 18. Jahrhundert hat sich Russland als prägende Kraft durchgesetzt. Mitglieder des Deutschen Orden waren als Kaufleute tätig und haben über Jahrhunderte, bis Anfang des 20. Jahrhunderts das wirtschaftliche Leben entscheidend mit geprägt. Estland war eine lukrative „Kolonie“ im Osten Europas


Keine Angst vor der estnischen Sprache

Die Verwandtschaft zum finnischen Sprachraum ist unverkennbar. Die Sprache ist durch die gemeinsamen finno-ugrischen Wurzeln vergleichbar. Trotzdem erschließt sich Estnisch als logische und verständliche Sprache. Alles wird ausgesprochen wie es geschrieben wird. Die Betonung liegt grundsätzlich auf der ersten Silbe. Doppelt folgende Buchstaben werden gedehnt ausgesprochen, egal ob Vokal oder Konsonant. Darüber hinaus spiegeln sich in vielen Begriffen sprachliche Einflüsse aus halb Europa wieder.


Russlands Einfluß

In den westlichen Landesteilen ist der sowjetische Einfluß heute nicht mehr spürbar. Weder im Straßenbild der Kleinstädte Hapsalu und Pärno, noch in den Dörfern entlang der Westküste.
Etwas anderes ist es in Tallinn. In der einzigen Großstadt und zugleich Hauptstadt des Landes bündeln sich westliche und russische Einflüsse zu einer bisweilen merkwürdig anmutende Schickeria. Nirgends ist die Dichte an Fahrzügen aus dem Hause Porsche höher als in Tallinn, und dies bei einer Höchstgeschwindigkeit von max. 120 km/h auf Estlands Straßen.


Skandinavisch geprägt

Estland kommt sehr skandinavisch daher. Ausgedehnte Wald und Moorflächen, die Weite der eiszeitlich geformten Landschaft, Küstenstriche die auch in Schweden oder Finnland sein könnten. Alles erinnert sehr stark an die nordischen Ostseeanrainer. Ein Reisender, der Skandinavien für sich entdeckt hat, wird sich auf Anhieb in Estland wohl fühlen. Die Esten fühlen sich den Finnen nach wie vor sehr verbunden. Kein Wunder, der Seeweg zwischen Tallinn und Helsinki beträgt gerade mal 90 km oder 3 Stunden mit der Autofähre.

Problemfall profitabler Wald

Problematisch ist Eslands Umgang mit dem Rohstoff Holz, der größten ökonomischen Einnahmequelle des Landes. Gegen eine generelle Holzernte alle 80 bis 100 Jahre ist prinzipiell nichts einzuwenden. Estland macht den Fehler, das nach dem Holzschlag viel zu viele Flächen nicht wieder aufgeforstet, sondern in Ackerland umgewandelt werden. Der kurzfristige Ertrag wird stärker gesehen, als dass eine langfristige Strategie verfolgt wird, die dem Staat und der Gesellschaft die Kontinuität der vergangenen Jahrhunderte bewahrt.
Das sich mit der Veränderung des Landschaftsbildes die Natur nachteilig verändert, liegt auf der Hand. Genau so schwer wiegen die gesellschaftlichen Veränderungen. Natur und Mensch sind seit Jahrhunderten ein Wald-Team. Ein empfindliches System, dass in Ungleichgewicht geraten ist.


Trifft ein Este einen Anderen, pflanzt er einen Wald

Mit diesem Satz zur Charakterisierung der Menschen wurden wir direkt nach unserer Ankunft am Flughafen von Adrian empfangen. Es geht um den Esten als solches. Er ist nicht direkt unfreundlich. Für uns erscheint er nur etwas speziell. Höflichkeitsfloskeln sind nicht seine Sache. Während eines Gesprächs Blickkontakt mit dem Gegenüber zu halten, ist ebenfalls unüblich. Es dauert einen Moment, bis man sich Fremden gegenüber auch nur einen Spalt weit öffnet und man mehr als nur die berühmten drei Worte miteinander spricht.
Noch spezieller war Adrians zweite Aussage, die er uns mit auf den Weg gegeben hat. „Des Esten liebstes Essen ist der Este.“ Diesen Satz versteht man nur, wenn man sich näher mit der Geschichte des Landes nach 1945 beschäftigt. Zwischen Stalin, den Waldbrüdern und anderen schrägen Gestalten, versuchte so mancher seinen persönlichen Vorteil zu erlangen. Auch auf Kosten Dritter – Denunziantentum und Verrat an Nachbarn inbegriffen.


Bullerbü liegt nicht in Schweden

In der Kleinstadt Hapsalu fühlt sich alles geborgen und vertraut an, gleich ab dem ersten Moment. So, als wäre man schon oftmals durch die schmalen Gassen mit ihren bunten Holzhäusern des kleinen Ortes geschlendert und hätte in die halbverwilderten Gärten geblickt. Selbst die Burg mit dem markanten Turm, scheint man gut zu kennen.
Schuld ist Ilon Wikland, die langjährige Illustratoren von Astrid Lindgrens Kinderbüchern. Insbesondere die Zeichnungen zu Ronja Räubertochter und den Bullerbü-Geschichten scheinen ein direktes Abbild ihres Geburtsortes Hapsalu zu sein.
Einen Besuch in „Ilons Wunderland“, einer wundervollen Ausstellung in der Linda-Straße, Ecke Kooli, sollte man auf jeden Fall einplanen.
Eine weitere Besonderheit ist Hapsalus Bahnhof. Das 217m lange Gebäude wurde 1907 in Betrieb genommen, die Eisenbahn sollte dem aufkommenden Tourismus dienen. Heute ist der Gebäudekomplex perfekt restauriert und steht da, als wäre er die vergessene Kulisse eines längst abgedrehten Historienfilms.


Birding Hotspot Matsalu


Bereits 1957 wurde die Bucht Matsalu, die heute die Kernzone des Nationalparks bildet, unter Schutz gestellt. Matsalu ist einer der Hotspots für Vogelbeobachtungen in Estland. Ein breiter Schilfgürtel, die zahlreichen Flachwasserzonen, sowie die Auen- und Küstenwiesen mit den nachgelagerten Wäldern sind die typischen Landschaftsformen des Nationalparks.
Während des Vogelzugs im Frühjahr und Herbst sammelt sich hier alles was fliegen kann. Ein paar Tage rasten die Vögel um ihre Energiereserven für die weitere Reise aufzutanken. Insgesamt wurden in Matsalu bisher 275 verschiedene Vogelarten nachgewiesen.
Dem Besucher. stehen eine Vielzahl von Türmen zur Vogelbeobachtung, verteilt um die Bucht, zur Verfügung (u.a. Haeska, Penijõe, Kloostri und Keemu). Ein Zwischenstopp im Informationszentrum des Nationalparks auf dem Gutshof Penijõe im Süden des Nationalparks ist ebenfalls sehr lohnenswert.
Ein besonderer Ort im Matsalu ist Haeska. Die Lage an der Bucht, der Turm und auch die Möglichkeit direkt auf dem Hof zu übernachten und somit ohne lange Anfahrtswege mit dem ersten Sonnenlicht die Natur zu erleben, eröffnen dem Fotografen viele Möglichkeiten.

Soomaa – Nationalpark der Moore und Überschwemmungen

In Soomaa (das Estnische Wort für „Sumpfland“) diktieren die stark schwankenden Wasserstände der Flüsse das Geschehen. Regelmäßig wird das Land großflächig überschwemmt.

Estlands Flüsse sind im Verhältnis sehr kurz. Kaum einer ist länger als 100 km. Somit wirken sich ansteigende oder fallende Pegel unmittelbar aus. Großflächige zyklische Überschwemmungen sind die Folge. Die Flüsse können die steigenden Wasserstände einfach nicht kompensieren. Zuviel Wasser in zu kurzer Zeit für zu wenig Fluß…

Das Ergebnis sind zahlreiche Moore und stark vernässte Wiesen und Wälder. Mit am offensichtlichsten läßt sich dies im Soomaa beobachten. Die vier großen Moore Kuresoo, Valgeraba, Kikepera und Öördi, sowie Teile des Flusses Pärnu wurden 1993 unter Schutz gestellt und bilden seither den Kern des Nationalparks. Regelmäßig wird das Gebiet am Ende eines jeden Winters großflächig überschwemmt. Die Wasserflächen im sogenannten „Riisa-Überflutungsgebiet“ können sich bis auf eine maximale Fläche von 110km² ausdehnen. Die estnische Ur-Natur wird für kurze Zeit eindrucksvoll sichtbar.

Hansestadt Tallinn

Tallinn ist das Zentrum des Landes. Schon immer gewesen. Die Stadt entstand rund um einem mittelalterlichen Handelsknotenpunkt. Heute ist sie steingewordener Zeitzeuge der Jahrhunderte. Trotzdem pulsiert das Leben, in den Sommermonaten besonders das Touristische, mit all seinen Vor- und Nachteilen.

Wer bereit ist, sich auf die Stadt einzulassen, die ruhigeren Stunden am frühen Morgen oder am Abend zu nutzt, wird viele besondere Eindrücke sammeln können.

Kaum eine andere mittelalterliche Hansestadt in Europa ist so gut erhalten wie Estlands Hauptstadt. In ihrer einmalig schönen Altstadt ist die Hanse so präsent wie einst: Beeindruckende Patrizierhäuser, jahrhundertealte Speicher- und Lagergebäude, reiche Gilden und an die Grenzen des Himmels stoßende Türme von Kaufmannskirchen.

Bis 1877 bestand Tallinn eigentlich aus zwei Städte – Domberg und Unterstadt. Die beiden heutigen Stadtteile waren sowohl in Verwaltung, wie auch Rechtsprechung autonom. Auf dem Domberg hatten der Bischof und die jeweiligen Regentschaftsvertreter das Sagen. Die Unterstadt ist die eigentliche Stadt Reval. Hier lebte der Großteil der Stadtbevölkerung, Handwerker und Kaufleute. Reval war kulturell und wirtschaftlich durch den Fernhandel der Hanse eng mit Lübeck verknüpft. Ein Großteil der Bevölkerung hatte familiäre Wurzeln in den norddeutschen- oder rheinisch-westfälischen Raum. Die Stadt war den Landesherrn gegenüber unabhängig. Es waren lediglich geringe jährliche Zahlungen an Zins und Pacht zu leisten.

Die Moderne hat 1980 anlässlich der olympischen Segelwettbewerbe in Tallinn Einzug gehalten. Auf einmal war auch zu sowjetischen Zeiten Geld für Investitionen da. Der Sporthafen, ein paar Hotels und Straßenzüge entlang der Altstadt sind Zeugnis dafür. Natürlich ist vieles bereits ein wenig in die Jahre gekommen, trotzdem ist Olympia irgendwie immer noch präsent.

Noch so eine typische Besonderheit: Wenn man in Estland eingeladen wird, ist es Brauch und Sitte, dass man den Gastgebern einen kleinen Blumenstrauß mitbringt. Einfach nur so – als Geste der Höflichkeit. Wir wurden von Adrian direkt nach unserer Ankunft mit einem kleinen Strauß Wiesenblumen begrüßt. Was sich dahinter verbirgt, haben wir aber erst am Ende unserer Reise in Tallinn verstanden.

Das Selbstverständnis, als eigenständiger Staat in der Weltgemeinschaft zu agieren, erleben die Esten erst seit etwa 30 Jahren. Die kurze selbstständige Phase zwischen den Weltkriegen wirkt wie ein Vorbild, vielleicht als Orientierungshilfe zur heutigen Souveränität. Dennoch sind viele übergeordnete Entscheidungen geprägt von einer latenten Angst, dass der estnische Staat erneut zerrieben werden könnte.